Die Geschichte der Republik Moldau, von Cucuteni bis Brüssel
Die Republik Moldau liegt auf einer Bruchlinie: Das Land zwischen Pruth und Dnjestr gehörte nacheinander zu einem mittelalterlichen Fürstentum, zum russischen Zarenreich, zum Königreich Rumänien und zur Sowjetunion, bevor es 1991 unabhängig wurde. Diese Wechsel erklären vieles von dem, was Sie heute sehen, vom Streit um den Namen der Sprache bis zum eingefrorenen Konflikt in Transnistrien. Diese Seite zieht die Linie von den ersten Bauerndörfern der Cucuteni-Kultur bis zu den Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union im Jahr 2026.

Foto: Diego Delso, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
- Abstimmung über die Union mit Rumänien
- 86 dafür, 3 dagegen, 36 Enthaltungen 1918 · Sfatul Țării, 9. April 1918 (27. März alten Stils).
- Deportierte im Juli 1949
- ca. 35.000 1949 · Größte Deportationswelle; bereits im Juni 1941 rund 19.000.
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Ein Land auf der Bruchlinie
Zwischen zwei Flüssen, dem Pruth und dem Dnjestr, liegt ein Land, das in weniger als zweihundert Jahren zu einem Kaiserreich, einem Königreich und einer Sowjetrepublik gehörte. Erst neunzehnhunderteinundneunzig gehörte es sich selbst. Die Menschen zogen kaum um. Die Grenzen zogen über sie hinweg. Wer das Land heute besucht, sieht diese Schichten überall. Das ist die Geschichte der Republik Moldau.
Töpfe und Fürsten
Schon vor siebentausend Jahren brannten Bauern hier Keramik mit Spiralen in Rot und Schwarz. Archäologen nennen das die Cucuteni-Kultur. Viel später bauten die Geten eine Festung über dem Fluss Răut, beim heutigen Orheiul Vechi. Dreizehnhundertneunundfünfzig entstand das Fürstentum Moldau. Sein berühmtester Herrscher, Ștefan cel Mare, regierte fast fünfzig Jahre und besiegte vierzehnhundertfünfundsiebzig ein osmanisches Heer bei Vaslui. Trotzdem wurde die Moldau nach seinem Tod ein Vasall des Sultans.
Bessarabien
Achtzehnhundertzwölf schnitt der Frieden von Bukarest das Fürstentum in zwei Hälften. Der Osten ging an das russische Zarenreich und hieß fortan Bessarabien. Russisch wurde die Sprache von Schule und Verwaltung. Siedler bevölkerten den leeren Süden: Deutsche, Bulgaren und Gagausen. Chișinău wuchs von einer Marktstadt zur Provinzhauptstadt, mit einer Kathedrale und einem Triumphbogen. Der Dichter Puschkin verbrachte hier drei Jahre in der Verbannung. Neunzehnhundertachtzehn stimmte ein regionaler Rat, der Sfatul Țării, für die Union mit Rumänien.
Die Sowjetjahre
Im Juni neunzehnhundertvierzig marschierte die Rote Armee ein. Es folgten Krieg, Holocaust, Hunger und Deportationen. In einer einzigen Julinacht neunzehnhundertneunundvierzig wurden rund fünfunddreißigtausend Menschen in Viehwaggons in den Osten der Sowjetunion geschickt. Die Moldauische Sowjetrepublik bekam eine eigene Sprache in kyrillischer Schrift. Russisch wurde die Sprache derer, die vorankommen wollten. Fabriken und das große Kraftwerk entstanden vor allem am linken Ufer des Dnjestr. Russischsprachige Arbeiter zogen in die Städte. Diese Entscheidungen sollten später schwer wiegen.
Unsere Sprache
Am siebenundzwanzigsten August neunzehnhundertneunundachtzig füllte sich das Zentrum von Chișinău mit Hunderttausenden Menschen. Vier Tage später kehrte das lateinische Alphabet zurück. Am siebenundzwanzigsten August neunzehnhunderteinundneunzig wurde die Republik Moldau unabhängig. Doch am linken Ufer des Dnjestr erhob sich Transnistrien. Nach einem kurzen, blutigen Krieg neunzehnhundertzweiundneunzig blieb es ein Staat, den kein einziges Mitglied der Vereinten Nationen anerkennt. Der gagausische Süden erhielt neunzehnhundertvierundneunzig eine friedliche Autonomie.
Kurs auf Europa
Seitdem laviert das Land zwischen Moskau und Brüssel. Zweitausendvierzehn unterzeichnete es ein Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union, und seitdem reisen Moldauer ohne Visum in den Schengen-Raum. Zweitausendzweiundzwanzig wurde das Land Beitrittskandidat der Union. Im Sommer zweitausendsechsundzwanzig wurden die ersten Verhandlungskapitel eröffnet. Auf dem Boulevard von Chișinău steht Ștefan cel Mare noch immer mit dem Kreuz in der Hand. Sein Fürstentum ist längst verschwunden. Über die Richtung des Landes zwischen den beiden Flüssen entscheiden heute die Wähler.
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IVon Cucuteni bis zur Goldenen Horde
Lange bevor von einer Moldau die Rede war, lebten zwischen den Karpaten und dem Dnjestr bereits Bauern, die zu den geschicktesten Töpfern des europäischen Neolithikums zählten. Die Cucuteni-Tripolje-Kultur, benannt nach Fundorten in Rumänien und der Ukraine, blühte grob zwischen 5500 und 2750 v. Chr. Ihre Siedlungen umfassten mitunter Hunderte Häuser, die aus bis heute ungeklärten Gründen in regelmäßigen Abständen niedergebrannt wurden. Erhalten ist Keramik mit Spiralen in Rot, Weiß und Schwarz, die Sie in moldauischen und rumänischen Museen wiederfinden.
Im letzten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung lebten hier thrakische Stämme, die von den Griechen Geten und von den Römern Daker genannt wurden. Bei Butuceni, in der Flussschleife des Răut bei Orheiul Vechi, liegen die Reste einer getischen Festung. Als Kaiser Trajan 106 n. Chr. das Dakerreich eroberte, blieb der größte Teil der heutigen Republik Moldau außerhalb der eigentlichen Provinz, doch der römische Einfluss reichte bis an die Küste des Schwarzen Meeres. Die Erdwälle im Süden heißen im Volksmund Valul lui Traian, Trajanswälle; wer sie tatsächlich aufgeschüttet hat und wann, ist unter Archäologen bis heute umstritten.
Nach den Römern zogen jahrhundertelang Völker durch die Steppe: Goten, Hunnen, Slawen, Petschenegen und Kumanen. Ab 1241 stand das Gebiet unter mongolischer und später tatarischer Herrschaft. Bei Orheiul Vechi lag im 14. Jahrhundert eine Stadt der Goldenen Horde, deren Fundamente Archäologen freigelegt haben. Diese frühen Schichten erklären, warum die Landschaft in der Mitte des Landes mit Grabhügeln, Wällen und Festungsresten übersät ist.
IIDas Fürstentum Moldau (1359-1812)
Das Fürstentum Moldau entstand 1359, als sich Bogdan I. von der ungarischen Oberhoheit löste und östlich der Karpaten einen eigenen Staat gründete. Der Name geht auf den Fluss Moldova im heutigen Rumänien zurück. Auch die frühen Hauptstädte, Siret und später Suceava, liegen heute in Rumänien. Das Gebiet der heutigen Republik bildete die östliche Hälfte des Fürstentums, bis an den Dnjestr.
Der bekannteste Herrscher ist Ștefan cel Mare (Stefan der Große), der von 1457 bis 1504 regierte. 1475 besiegte er bei Vaslui ein weit größeres osmanisches Heer, einer der bemerkenswertesten europäischen Siege über den Sultan in jenem Jahrhundert. Dennoch verlor er 1484 die Hafenstädte Chilia und Cetatea Albă an die Osmanen und ihre krimtatarischen Verbündeten. Unter seiner Herrschaft entstanden Dutzende steinerne Kirchen und Klöster in einem eigenen moldauischen Baustil. Die Rumänisch-Orthodoxe Kirche sprach ihn 1992 heilig; sein Standbild mit dem Kreuz in der Hand steht am Eingang des Parks in Chișinău, der seinen Namen trägt.
Nach Ștefans Tod wurde der osmanische Griff fester. 1538 fiel Sultan Süleyman der Prächtige ins Land ein. Die Festung Tighina wurde unter dem Namen Bender zu einem osmanischen Stützpunkt, und die Moldau wurde zu einem Vasallenstaat, der jährlich Tribut zahlte. Das Fürstentum behielt eigene Fürsten, eine eigene Kirche und einen eigenen Adel, doch Istanbul entschied mit, wer auf dem Thron saß.
Einen Versuch, sich daraus zu befreien, unternahm Dimitrie Cantemir, Fürst in den Jahren 1710-1711, der ein Bündnis mit Zar Peter dem Großen schloss. Nach der Niederlage des russisch-moldauischen Heeres am Pruth 1711 ging er nach Russland, wo er die Descriptio Moldaviae schrieb, die erste ausführliche Beschreibung des Landes. Danach ernannte der Sultan ein Jahrhundert lang vor allem griechische Fürsten aus dem Istanbuler Viertel Phanar, die sogenannten Phanarioten. Zwischen 1711 und 1812 besetzten russische Heere die Moldau fünfmal.
IIIBessarabien unter dem Zarenreich (1812-1917)
Im Frieden von Bukarest vom 28. Mai 1812 trat das Osmanische Reich die östliche Hälfte der Moldau, das Land zwischen Pruth und Dnjestr, an Russland ab. Sankt Petersburg nannte das neue Gebiet Bessarabien, ein Name, der ursprünglich nur für den Süden galt. Der westliche Teil des Fürstentums ging 1859 zusammen mit der Walachei in dem Staat auf, der später Rumänien heißen sollte. Von da an entwickelten sich die beiden Hälften der alten Moldau auseinander.
Das Zarenreich gewährte der Provinz anfangs eine gewisse Autonomie, nahm sie aber rasch wieder zurück. Das Rumänische verschwand 1834 aus Schulen und Behörden, 1854 wurde Russisch Amtssprache. Bei der Volkszählung von 1897 konnten nur 15,4 % der Bevölkerung lesen und schreiben, unter den Moldauern gerade einmal 6 %.
Zugleich veränderte sich die Bevölkerung. Russland bot Siedlern im dünn besiedelten Süden Land an: Deutschen, Bulgaren und Gagausen, einem turksprachigen orthodoxen Volk, das sich zwischen 1820 und 1846 unter anderem in Comrat niederließ. Auch Ukrainer, Russen und Juden zogen in die Provinz. Chișinău wuchs vom Marktflecken zur Gouvernementshauptstadt mit geraden Straßen, einer Kathedrale (1836) und einem Triumphbogen (1840). Der russische Dichter Alexander Puschkin verbrachte hier zwischen 1820 und 1823 seine Verbannung.
Die Schattenseite zeigte sich 1903. Am Ostersonntag brach in Chișinău, damals Kischinjow, ein Pogrom aus, bei dem 49 Juden getötet und Hunderte verletzt wurden. Der hebräische Dichter Chaim Nachman Bialik schrieb darüber In der Stadt des Schlachtens, und die Ereignisse gingen durch die Weltpresse. Nach der Russischen Revolution von 1905 entstand eine bescheidene moldauische Nationalbewegung, in der der Jurist und Schriftsteller Constantin Stere eine Vorreiterrolle spielte.
IVUnion mit Rumänien und eine Republik jenseits des Dnjestr (1917-1940)
Der Zusammenbruch des Zarenreichs 1917 öffnete ein kurzes Zeitfenster. Ein regionaler Landesrat, der Sfatul Țării, rief am 15. Dezember 1917 eine autonome Moldauische Demokratische Republik innerhalb einer russischen Föderation aus. Nach einer kurzen Besetzung Chișinăus durch die Bolschewiki und dem Einmarsch rumänischer Truppen folgte am 6. Februar 1918 die Unabhängigkeit. Am 9. April 1918 (27. März nach dem alten Kalender) stimmte der Rat mit 86 Ja-Stimmen, 3 Gegenstimmen und 36 Enthaltungen für eine bedingte Union mit Rumänien. Im Dezember 1918 fielen die Bedingungen weg.
Der Pariser Vertrag vom 28. Oktober 1920 erkannte die Union an, doch Japan ratifizierte ihn nie, und Moskau weigerte sich, die neue Grenze anzuerkennen. Zwischen den Weltkriegen war Bessarabien eine überwiegend landwirtschaftliche Provinz Rumäniens, mit einer Bodenreform, neuen Schulen und Rumänisch als Unterrichts- und Verwaltungssprache.
Die Sowjetunion antwortete auf ihre Weise. 1924 gründete sie am linken Ufer des Dnjestr, innerhalb der Sowjetukraine, eine Moldauische Autonome Sozialistische Sowjetrepublik, zunächst mit Balta und ab 1929 mit Tiraspol als Hauptstadt. Dort wurde eine eigene „moldauische“ Sprache in kyrillischer Schrift als Gegengewicht zum Rumänischen gefördert. Diese Schrift galt dort von 1924 bis 1932 und erneut ab 1938. Die autonome Republik ist eine der historischen Wurzeln des heutigen Transnistrien.
VKrieg, Holocaust und Deportationen (1940-1953)
Das geheime Zusatzprotokoll zum Molotow-Ribbentrop-Pakt vom August 1939 wies Bessarabien der sowjetischen Einflusssphäre zu. Nach einem Ultimatum marschierte die Rote Armee am 28. Juni 1940 in das Gebiet ein. Am 2. August 1940 wurde die Moldauische SSR gegründet, aus dem mittleren Teil Bessarabiens und einem Streifen der alten autonomen Republik am linken Ufer. Der Norden und der Süden Bessarabiens fielen an die Sowjetukraine. Deshalb liegen die alten Häfen an der Donau und am Schwarzen Meer heute in der Ukraine.
Die erste Massendeportation folgte in der Nacht vom 12. auf den 13. Juni 1941: Rund 19.000 Menschen wurden in den Osten der Sowjetunion verschleppt. Kurz darauf griff Deutschland gemeinsam mit Rumänien die Sowjetunion an, und im Juli 1941 kam Bessarabien wieder unter rumänische Verwaltung. Für die jüdische Bevölkerung bedeutete das den Holocaust. In Chișinău wurden mehr als 11.000 Menschen in einem Ghetto eingesperrt, und Zehntausende Juden aus Bessarabien wurden in Lager in Transnistrien deportiert, dem Gebiet zwischen Dnjestr und Bug, das Rumänien damals verwaltete. Yad Vashem hat die Namen von 60.732 ermordeten bessarabischen Juden erfasst.
Im August 1944 eroberte die Rote Armee die Region bei der Iași-Chișinău-Offensive zurück. Nach dem Krieg folgten Dürre, Zwangsablieferungen von Getreide und eine Hungersnot 1946-1947, die nach gängigen Schätzungen mindestens 115.000 Bauern das Leben kostete. In der Nacht vom 5. auf den 6. Juli 1949 deportierte die Geheimpolizei rund 35.000 Menschen, vor allem Bauernfamilien, die als Kulaken abgestempelt wurden (Europa Liberă). Dafür waren 4.000 Lastwagen und 1.570 Viehwaggons nötig. Eine dritte Welle 1951 traf vor allem religiöse Gruppen. Damit war der Weg frei für die Kollektivierung der Landwirtschaft.
VISowjetrepublik und Sprachbewegung (1953-1991)
Nach Stalin wurde die Moldauische SSR zu einer Agrarrepublik, die Wein, Tabak, Obst und Gemüse in die ganze Sowjetunion lieferte. Leonid Breschnew, später Parteichef in Moskau, war hier von 1950 bis 1952 Erster Parteisekretär. Schwerindustrie und das große Kraftwerk entstanden vor allem am linken Ufer des Dnjestr, während russischsprachige Fachkräfte und Arbeiter in die Städte zogen. Chișinău, im Krieg schwer beschädigt, wurde mit breiten Boulevards, Wohnblocks und modernistischen Wahrzeichen wieder aufgebaut.
Offiziell gab es eine eigene moldauische Nation mit einer eigenen Sprache in kyrillischer Schrift; Russisch war die Sprache der Karriere und der Verwaltung. Unter Gorbatschows Perestroika wuchs der Widerstand. Schriftsteller und Intellektuelle forderten die Anerkennung, dass Moldauisch und Rumänisch ein und dieselbe Sprache sind, und die Rückkehr zum lateinischen Alphabet. Am 27. August 1989 kamen Hunderttausende Menschen zur Marea Adunare Națională, der Großen Nationalversammlung, in Chișinău zusammen. Am 31. August 1989 erklärte das Parlament der Republik das Moldauische in lateinischer Schrift zur Staatssprache. Dieser Tag wird bis heute jedes Jahr als Limba noastră, „unsere Sprache“, gefeiert.
In den russischsprachigen Städten am linken Ufer und im gagausischen Süden wurde das Sprachgesetz als Bedrohung empfunden. Es folgten Streiks und Gegenbewegungen. Im August 1990 rief Comrat eine Gagausische Republik aus, am 2. September 1990 folgte in Tiraspol eine Transnistrische Moldauische Sowjetrepublik. Chișinău erkannte keine der beiden an. Nach dem gescheiterten Putsch in Moskau erklärte sich die Republik Moldau am 27. August 1991 für unabhängig; Mircea Snegur wurde ihr erster Präsident.
VIITransnistrien und Gagausien: die neunziger Jahre
Die Spannungen am linken Ufer mündeten in einen bewaffneten Konflikt. Die ersten Toten gab es im November 1990 in Dubăsari. Als offizieller Kriegsbeginn gilt der 2. März 1992, der Tag, an dem die Republik Moldau Mitglied der Vereinten Nationen wurde. Die blutigsten Kämpfe tobten im Juni 1992 um Bender (Tighina), eine Stadt am rechten Ufer, die die Separatisten unter ihrer Kontrolle halten wollten. Die in der Region stationierte russische 14. Armee unterstützte die Separatisten mit Waffen und Soldaten und gab Anfang Juli mit Artilleriefeuer den Ausschlag.
Am 21. Juli 1992 unterzeichneten die Präsidenten Boris Jelzin und Mircea Snegur in Moskau einen Waffenstillstand. Eine Friedenstruppe aus russischen, moldauischen und transnistrischen Bataillonen wurde einer gemeinsamen Kontrollkommission unterstellt. Insgesamt kamen schätzungsweise rund 1.000 Menschen ums Leben (Veridica). Seitdem ist Transnistrien ein von keinem UN-Mitglied anerkannter De-facto-Staat mit eigener Währung, dem transnistrischen Rubel, eigenen Grenzkontrollen und russischen Truppen auf seinem Gebiet. Gespräche mit der OSZE als Vermittlerin, Russland und der Ukraine als vermittelnden Staaten sowie der EU und den Vereinigten Staaten als Beobachtern haben den Konflikt nicht gelöst. Wer die Region besuchen möchte, liest vorher die aktuellen Reisehinweise des belgischen FÖD Auswärtige Angelegenheiten.
Im Süden nahm die Sache einen anderen Verlauf. Die Verfassung vom 29. Juli 1994 erklärte die Republik Moldau für dauerhaft neutral und nannte die Staatssprache „Moldauisch“; im selben Jahr wurde das Gedicht Limba noastră von Alexei Mateevici zur Nationalhymne. Am 23. Dezember 1994 verabschiedete das Parlament das Gesetz über den Sonderstatus Gagausiens. Nach einem Referendum 1995 entstand die autonome territoriale Einheit Gagausien (Gagauz Yeri) mit Comrat als Hauptstadt, einer eigenen Volksversammlung und einem direkt gewählten Gouverneur, dem başkan. Das Modell wird oft als friedliche Lösung eines ethnischen Konflikts angeführt, auch wenn die Beziehungen zwischen Comrat und Chișinău angespannt bleiben. Unterdessen schrumpfte die Wirtschaft in den neunziger Jahren drastisch, und eine Auswanderungswelle setzte ein, die bis heute nachwirkt.
VIIIZwischen Moskau und Brüssel (2001-2026)
2001 gewann die Partei der Kommunisten 71 der 101 Sitze, und Vladimir Voronin wurde Präsident. Seine Regierung suchte zunächst die Nähe zu Russland, lehnte aber 2003 einen russischen Plan zur Föderalisierung des Landes ab und wandte sich danach vorsichtig der Europäischen Union zu. Nach den Wahlen vom April 2009 schlugen Proteste in Chișinău in Krawalle und den Sturm auf das Parlament um. Bei vorgezogenen Wahlen im Juli 2009 kam eine Koalition proeuropäischer Parteien an die Macht.
Die Republik Moldau unterzeichnete am 27. Juni 2014 ein Assoziierungsabkommen mit der EU, einschließlich einer Freihandelszone, und seit dem 28. April 2014 reisen Moldauer mit biometrischem Pass visumfrei in den Schengen-Raum. Im selben Jahr verschwand rund eine Milliarde Dollar aus drei moldauischen Banken, ein Betrugsfall, der das Vertrauen in die Politik zutiefst erschütterte.
2020 wurde Maia Sandu zur Präsidentin gewählt; ihre Partei PAS errang 2021 die absolute Mehrheit. Nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine beantragte die Republik Moldau am 3. März 2022 die EU-Mitgliedschaft. Am 23. Juni 2022 wurde sie Beitrittskandidat, und am 25. Juni 2024 begannen in Luxemburg formell die Beitrittsverhandlungen. Im März 2023 ersetzte das Parlament in allen Gesetzen, auch in der Verfassung, den Begriff „moldauische Sprache“ durch „rumänische Sprache“.
Am 20. Oktober 2024 billigten 50,35 % der Wähler in einem Referendum eine Verfassungsänderung, die den EU-Beitritt als strategisches Ziel festschreibt. Sandu wurde am 3. November 2024 in der Stichwahl mit 55,35 % der Stimmen wiedergewählt. Beide Abstimmungen wurden von Vorwürfen russischer Einflussnahme überschattet. Bei der Parlamentswahl vom 28. September 2025 behielt PAS mit 55 von 101 Sitzen die Mehrheit.
2026 kamen die Verhandlungen richtig in Gang. Am 15. Juni 2026 eröffnete die EU in Luxemburg den ersten Cluster, Fundamentals, der unter anderem Rechtsstaatlichkeit, Justiz und Grundrechte umfasst. Am 14. Juli 2026 folgte der Cluster Außenbeziehungen. Damit waren 7 der 33 Kapitel eröffnet und noch keines abgeschlossen (Radio Moldova, Juli 2026). Die Regierung strebt einen Abschluss der Verhandlungen im Jahr 2028 an; ein Beitritt um 2030 gilt unter Beobachtern als ehrgeizig, aber nicht unmöglich.
IXWo Sie der Geschichte begegnen
Die Republik Moldau besitzt wenige große Monumente, aber Orte, an denen die Schichten ihrer Geschichte sichtbar übereinanderliegen. Eine Auswahl, ungefähr chronologisch:
- Orheiul Vechi: eine getische Festung, die Reste einer Stadt der Goldenen Horde und ein Höhlenkloster in der Kalksteinwand über dem Răut.
- Cetatea Soroca: die runde Festung am Dnjestr, ein Glied in der Verteidigungslinie des mittelalterlichen Fürstentums.
- Cetatea Tighina in Bender: osmanische Festung und später russisches Fort, heute auf transnistrisch kontrolliertem Gebiet.
- Mănăstirea Căpriana: eines der ältesten Klöster des Landes, erstmals 1429 erwähnt.
- Muzeul Național de Istorie a Moldovei in Chișinău: von prähistorischer Keramik bis zur Sowjetzeit.
- Complexul Memorial Eternitate in Chișinău: sowjetisches Denkmal für die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs.
Wer den Holocaust und die Deportationen besser verstehen möchte, besucht in Chișinău auch den alten jüdischen Friedhof und das Denkmal für die Deportierten am Bahnhof. Zusammen zeigen diese Orte, wie ein Stück Land in sechs Jahrhunderten vom Fürstentum zur Provinz, zur Sowjetrepublik und schließlich zum unabhängigen Staat wurde.
Zeitleiste
- ca. 5500-2750 v. Chr.
Blütezeit der Cucuteni-Tripolje-Kultur mit großen Siedlungen und bemalter Keramik.
- 106
Kaiser Trajan erobert Dakien; der größte Teil der heutigen Republik Moldau bleibt außerhalb der römischen Provinz.
- 1241
Beginn der mongolischen und später tatarischen Herrschaft über das Gebiet.
- 1359
Bogdan I. gründet das Fürstentum Moldau.
- 1457
Ștefan cel Mare besteigt den Thron; er regiert bis 1504.
- 1475
Ștefan cel Mare besiegt ein osmanisches Heer bei Vaslui.
- 1538
Sultan Süleyman erobert Tighina (Bender); die Moldau wird osmanischer Vasallenstaat.
- 1711
Dimitrie Cantemir unterliegt an der Seite Peters des Großen am Pruth und flieht nach Russland.
- 1812
Frieden von Bukarest: Das Land zwischen Pruth und Dnjestr wird als Bessarabien russisch.
- 1820
Alexander Puschkin wird nach Chișinău verbannt, wo er bis 1823 bleibt.
- 1903
Pogrom von Kischinjow: 49 Juden werden getötet.
- 1917
Der Sfatul Țării ruft eine autonome Moldauische Demokratische Republik aus.
- 1918
Der Sfatul Țării stimmt für die Union mit Rumänien.
- 1924
Gründung der Moldauischen ASSR am linken Ufer, innerhalb der Sowjetukraine.
- 1940
Die Rote Armee besetzt Bessarabien; Gründung der Moldauischen SSR am 2. August.
- 1941
Erste Massendeportation (12./13. Juni); rumänische Verwaltung und Holocaust.
- 1944
Iași-Chișinău-Offensive; die Region wird wieder sowjetisch.
- 1946
Hungersnot von 1946-1947 mit mindestens 115.000 Toten.
- 1949
Deportation von rund 35.000 Menschen in der Nacht vom 5. auf den 6. Juli.
- 1989
Sprachgesetz vom 31. August: Moldauisch in lateinischer Schrift wird Staatssprache.
- 1990
Ausrufung einer gagausischen und einer transnistrischen Republik.
- 1991
Unabhängigkeit am 27. August.
- 1992
Krieg um Transnistrien; Waffenstillstand am 21. Juli.
- 1994
Verfassung vom 29. Juli; Gesetz über die Autonomie Gagausiens am 23. Dezember.
- 2009
Proteste im April; eine proeuropäische Koalition übernimmt die Macht.
- 2014
Assoziierungsabkommen mit der EU und visumfreies Reisen in den Schengen-Raum.
- 2022
Die Republik Moldau wird am 23. Juni EU-Beitrittskandidat.
- 2023
„Rumänische Sprache“ ersetzt „moldauische Sprache“ in Gesetzen und Verfassung.
- 2024
Beginn der Beitrittsverhandlungen (25. Juni) und EU-Referendum (20. Oktober).
- 2026
Eröffnung der ersten Verhandlungscluster am 15. Juni und 14. Juli.
Häufige Fragen
Ist die Republik Moldau dasselbe wie das historische Fürstentum Moldau?
Nicht ganz. Das mittelalterliche Fürstentum Moldau reichte von den Karpaten bis zum Dnjestr. Seit 1812 ist es geteilt: Der westliche Teil gehört heute zu Rumänien (unter anderem Iași und Suceava), der östliche Teil zwischen Pruth und Dnjestr bildet den Kern der heutigen Republik.
Gehörte die Republik Moldau jemals zu Rumänien?
Ja. Von 1918 bis 1940 war Bessarabien, der größte Teil der heutigen Republik Moldau, eine Provinz Rumäniens, und von 1941 bis 1944 stand es erneut unter rumänischer Verwaltung. Das linke Ufer des Dnjestr (das heutige Transnistrien) gehörte in der Zwischenkriegszeit dagegen zur Sowjetunion.
Warum spricht man in der Republik Moldau Rumänisch und nicht Moldauisch?
Das „Moldauische“, das die Sowjetunion als eigene Sprache darstellte, war im Grunde Rumänisch in kyrillischer Schrift. Das Sprachgesetz von 1989 führte das lateinische Alphabet wieder ein, und seit März 2023 verwenden alle Gesetze und die Verfassung den Begriff „rumänische Sprache“.
Was ist Transnistrien und warum hat es sich abgespalten?
Transnistrien ist der schmale Streifen am linken Ufer des Dnjestr. Aus Furcht vor dem Sprachgesetz und einer möglichen Union mit Rumänien rief es 1990 eine eigene Republik aus. Nach einem kurzen Krieg 1992 wurde es zu einem De-facto-Staat, den kein UN-Mitglied anerkennt, mit russischen Truppen auf seinem Gebiet.
Was ist Gagausien?
Gagausien ist eine autonome Region im Süden mit Comrat als Hauptstadt. Die Gagausen sind ein turksprachiges, orthodoxes Volk. Ihre Autonomie wurde im Dezember 1994 gesetzlich geregelt und 1995 per Referendum abgegrenzt.
Wann wurde die Republik Moldau unabhängig?
Am 27. August 1991, kurz nach dem gescheiterten Putsch in Moskau. Dieser Tag ist Nationalfeiertag. Im März 1992 wurde das Land Mitglied der Vereinten Nationen.
Wie weit ist die Republik Moldau beim Beitritt zur Europäischen Union?
Die Republik Moldau ist seit Juni 2022 Beitrittskandidat und verhandelt seit Juni 2024 formell über den Beitritt. Im Juni und Juli 2026 wurden die ersten beiden Cluster eröffnet, die 7 der 33 Kapitel umfassen. Die Regierung will die Verhandlungen 2028 abschließen; ein Beitrittsdatum steht nicht fest.
Wer war Ștefan cel Mare?
Ștefan cel Mare (Stefan der Große) regierte die Moldau von 1457 bis 1504, besiegte 1475 ein osmanisches Heer bei Vaslui und ließ Dutzende Kirchen und Klöster errichten. Er ist die zentrale Figur des moldauischen und rumänischen Geschichtsbilds und wurde 1992 heiliggesprochen.
Quellen
- Britannica, Moldova: History
- Wikipedia, History of Moldova
- Europa Liberă, 70 de ani de la al doilea val de deportări staliniste din Basarabia
- Wikipedia, History of the Jews in Chișinău
- Veridica, 30 years since the war in Transnistria
- Wikipedia, Moldovan language
- Moldpres, CEC approved final results of 28 September parliamentary elections
- Radio Moldova, EU accession: cluster 6 opened (juli 2026)
- European Western Balkans, Ukraine and Moldova open cluster 6